SalzburgM

Als wir im Marathonhotel einchecken sehe ich IHN, ca. 1,70 groß, um die 50 kg schwer,  schwarz.  Jede seiner Bewegungen an die Geschmeidigkeit eines beutehungrigen Geparden erinnernd.  Ich stelle mir vor wie er, Simon Kamau Njeri, als Kind täglich 20 km zu Schule läuft, in Kenia, barfuß.
Ich gehe zu IHM hin, nicht auf geradem Wege, das wäre zu plump.
Auf meine höfliche Frage ob ich denn ein Foto von IHM machen darf, lächelt er mich an, er freut sich.
Ich stelle mir vor wie wir uns, tausende Kilometer voneinander entfernt, per whatsapp austauschen, über Trainingspläne, Herzfrequenzen und sonst noch was.
So beginnt echte Freundschaft.
Gedankenschwanger steige ich in den Aufzug und fahre ins Zimmer, 1. Stock – Tapering.
Ich stelle mir den Wecker eine Stunde früher, damit ich genug Zeit fürs Dehnen habe.
Wecker klingelt, Dehnprogramm beginnt. Ich starte mit dem Daumengrundgelenk und ende mit dem kleinen Zeh. Dauer, exakt ein Stunde, holodrio.
Ich steige aus dem Bett, knicke ein und falle hin.
Nach ca. 5 Minute habe ich wieder einen halbwegs normalen Muskeltonus und ziehe mich am Bett hoch. Herrlich, ich stehe, Salzburg welch wunderschöner Morgen …

Man hört ja so einiges, Dehydration, Unterzuckerung und so weiter, dass passiert mir nicht. Ich habe mir vorgenommen zu essen und zu trinken. Mindestens alle 5 km.
So packe ich mir Datteln in mein Spibelt Täschchen – der besten Erfindung seit der Zähmung des Feuers.
Datteln sind bekannterweise die Vollmahlzeit des Läufers, Currywurst und Schweinebraten im Kleinformat. Aus Sicherheitsgründen sollte man nur Entkernte nehmen, außer man will seinem Zahnarzt eine Freude bereiten.

Es ist soweit, wir gehen zum Start, meine Liebste und ein Lauffreund der heute den Halben läuft, begleiten mich. Gestartet wird zum ersten mal am Mirabellplatz. Soll mir recht sein.
Noch eine halbe Stunde, Ich laufe mich warm. Ach ist das herrlich, 2 Wochen getapert, so müssen sich Wildpferde fühlen wenn sie über die endlosen Weiten der Prärie galoppieren.
Mein Laufstil ist perfekt, ich baue ein paar Sprints ein, da spricht mich ein Läufer an, „Wie machst du das“?   Oh, Lauffachwissen ist gefragt, da muss man mich nicht zweimal bitten.
Ich beginne mit einer Abhandlung über Fußaufsatz um das Thema dann eloquent Richtung Armarbeit zu lenken.
„Nein, Nein, dein Kopftuch, wie bindest du dein Kopftuch“ unterbricht er mich.
Ich schaue ihn entgeistert an – peinlich.
Ich laufe zurück .. etwas unrund.

Fünf Minuten zum Start, ich habe meine Uhr daheim vergessen. Mist.
Meine Strategie ist deshalb ganz klar, ich hänge mich an den Pacemaker, der hat eine Uhr. Da ist er, Alexander, wir werden die nächsten Dreieinhalb Stunden dicke sein.
Gebongt, wir klatschen und zählen runter, es geht los.
Alexander läuft langsam, yep, das wird ein guter Tag.
Ich esse eine Dattel, kann nicht schaden.
Ui da kommt schon die Verpflegungsstelle, ich trinke um die Dattelreste runterzuspülen, gehe, lasse mir Zeit, alles gut. Weiter.
Es geht raus aus der Stadt, Richtung Schloss Hellbrunn, wir laufen über einen roten Teppich, ich fühle mich wie klein Mozart.
Dann esse ich eine Dattel – Verpflegungsstand – Wasseraufnahme, ah Bananen, kralle mir 2 Stücke, hm ..

Die erste Runde ist rum, nun das ganze nochmal…

Ich habe Alexander etwas aus den Augen verloren, der hat sich anscheinend nicht so lange an den Verpflegungsständen aufgehalten. Egal.
Meine HM Zeit 1:45:44, davon habe ich mindestens 2 Minuten verfuttert.
Ich werde langsamer, Datteln sind alle. Alexander ist weg. Habe einen Tiefpunkt und das bei km 25.

Ich komme an eine Gruppe ran, kurzes Gespräch, sie ziehen mich mit, es geht wieder.
Da, Hellbrunn, der rote Teppich, ich stolpere … blödes faltiges Ding.
Am Leopoldskroner Weiher beginnt es zu regnen. Aha, super.
Kurz darauf schüttet es. Ich bin durch und durch nass, werde langsamer.
Man überholt mich. Einige gehen. Ich würge kaltes Wasser runter.

Bei km 39 sehe ich ihn, ein Hüne, knapp 2m groß, Schultern wie Kanonenkugeln, Oberarme wie meine Oberschenkel.
Muskelaufbau und Marathontraining geht nicht, weiß ich aus eigener Erfahrung.
SEIN genetischer Code muss sich von meinem wie Tolkiens Triloge „Der Herr der Ringe“ von Sandmännchen unterscheiden.
Ich hole IHN ein, lächle freundlich zu ihm hinauf, „Hättest du wohl ein paar Kilo weniger gestemmt“, denk ich mir. Jetzt darf ich nicht langsamer werden, auf keinen Fall.
3 Raptoren brechen aus den Häuserschluchten hervor. Ich stelle mir vor wie sie sich in meine Unterschenkel verbeißen. Notsituationen sollen zu ungeahnten Kräften verhelfen.
Es wirkt, ich zieh an.

Zieleinlauf, die Uhr bleibt bei 3:41:xx stehen. Na ja.

Ich brauche Wärme, fange zu zittern an. Nicht gut.
Meine Liebste ist zur Stelle, T-Shirt umziehen, warme Jacke drüber, Breze aus dem Rucksack und ab ins Hotel,
Der Weg dorthin, ist hart. Ich friere immer mehr. Die Datteln und Bananen haben sich im Magen zu einem explosivem Gemisch vereint. Ich bringe keine ganzen Brezenstücke hinunter, na dann lutsche ich zumindest das Salz herunter.

Hotelzimmer, warme Dusche .. so muss sich das Tor zum Paradies anfühlen.

Als wir auschecken, fällt es mir ein .. ich habe vergessen IHM meine Handynummer zu geben, meinem kenianischen Freund.
Ich vermisse ihn jetzt schon.

 

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