Ich stehe vor dem Kassenautomaten im Parkhaus und versuche einen Euro aus der Geldbörse zu pfriemeln. Wie schwierig kann Feinmotorik sein.
Meine Körperfunktionen haben sich auf wichtigere Tätigkeiten zurückgezogen .. Trinken, Atmen, Trinken.

Als ich endlich im Auto sitze, merke ich wie meine Frau mich heimlich beobachtet, ich denke sie will sich vergewissern ob ich noch atme ..
Aber nun mal der Reihe nach.

München, hier lief ich meinen ersten Marathon und .. ich denke es geht den meisten so, das Erlebnis war überwältigend.
Nach einem laufbescheidenen Jahr 2015 wollte ich es 2016 wieder wissen.
Training war gut, 7 lange Läufe in der Vorbereitung, die langen Dinger mit 32 bis 34 km.
Ja, Laufen macht Spaß bis km 25, manchmal auch bis 27, dann geht dem Spaß die Freude verloren.
Zumindest bei mir.
Aber ohne diese Langen würde ich mich nicht an die Strecke wagen.

Nun denn, mit der guten Vorbereitung und einem Halbmarathon, 4 Wochen vor München, hatte ich ein gutes Gefühl
Nachdem  der Halbe in der Vorbereitung beim größten Kack-Wetter das man sich vorstellen kann, gelaufen wurde, hatte ich ein gespanntes Verhältnis zu Petrus.
Aber trotzdem, ich war gut drauf und bin von Haus aus ein Optimist, jetzt könnte es losgehen ..

Der Tag:
Wecker klingelt, 5:00 .. so schnell bin ich nie wach.
Raus aus dem Bett, Wasser trinken, es lebe die Hydration.
Dehnen .. Einölen wieder dehnen, Waden massieren .. Dehnen, ok jetzt ist es aber gut.
Ich würge mir Kohlenhydrate rein, Haferflocken .. um 5:15 schläft Magen noch.
Ich brauche jetzt Unterstützung .. mental .. und wecke meine Liebste auf,  wie kann man nur so schläfrig sein.

Um 6 Uhr sitzen wir im Auto. Es ist neblig, Kachelmann meldet Sonne, yeah, ich freue mich.
Hoffentlich haben wir keine Panne, aber Auto läuft, weiß was auf dem Spiel steht.
P&R, Fröttmanning dann U-Bahn Richtung Olympiastadion.

Als wir am Stadion wieder ans Tageslicht kommen erwartet uns ein gigantischer Anblick.
Der Olympiaturm ragt aus dem Nebel in die Höhe, oben hellblauer Himmel.
Vor mir unzählige Läufer die Photos schießen.

Wir gehen Richtung Olympiahalle, Startunterlagen holen, meine Liebste will noch shoppen .. ‚da findet sich bestimmt was für mich‘ ..
Als ich mich umgezogen habe und die Startnummer am T-Shirt trage merke ich wie ich langsam in den ‚Tunnel‘ gehe. Ich blende soviel wie möglich aus.
Ab nach draußen.

muc1

Der Lauf:
Gut gelöst, der Start ist direkt vor der Halle.
Sonne scheint, es ist kalt aber idealstes Laufwetter .. geil.
Ich mache mich warm, laufe ganz langsam, sehe die anderen Läufer, ich kenne keinen aber irgendwie sind sie doch wie alte Bekannte. Jetzt könnte es losgehen .. noch 15 min.
Ich muss die Dixi-Toiletten testen .. die Aufregung.
Jetzt stelle ich mich in meinen Startblock, bald kann ich mich nicht mehr bewegen.
Noch ein paar Sekunden bis zum Start, wir zählen alle runter und klatschen mit, so muss sich Frühsport in China anfühlen.
Der Startschuß fällt .. gewaltig .. Böllerschützen.
Langsam bewegen wir uns .. die Matte pfeift, jetzt bist du im Rennen ..

Ich versuche meine Körperfunktionen zu checken, Füße laufen, ok, ich atme, ok, Geschwindigkeit ja nicht zu schnell, ok.
Wo ist der 3:30 Pacemaker, vor mir, sehr gut.
Es bringt Unglück die avisierte Zielzeit vorher rauszuposaunen, das bilde ich mir zumindest ein. Aber meine Frau hat Lunte gerochen als ich mich an den Pacemaker rankuschelte, so what, dranbleiben so lang es geht.

wendeEs ‚läuft‘ gut, ich fühle mich gut,
bei km 5 der Wendepunkt, hier (und in der Maxvorstadt) sehen wir die anderen Läufer entgegenkommen.

Der Pacemaker läuft vor mir .. ach wie schön ist doch ein Marathon.

Bei km 8 geht’s über eine Holzbrücke am Schwabinger Bach, da spielt uns die Blasmusi in den Englischen Garten hinein.

Der Englische Garten mit seinen Schotterwegen.
Für mich ein Highlight des Laufs. Hier steht die Ampel noch auf grün, alle Systeme sind im Normbereich.
Schnell noch Verpflegung aufnehmen, einen Schluck Trinken, das andere Verschütten und das erste Gel rein bevor es nach Oberföhring geht.

Es zieht sich, die ganze Zeit bergauf.
Ich schau nach links und seh den Olympiaturm, das war ein Fehler.
Er ist so klein, ich überschlage die Entfernung, so 50-60 km muss er weg sein, verlaufen?
Nein, wenn, dann die anderen auch.
Spucke sammelt sich, mir fallen spontan zwei Lösungsmöglichkeiten ein, Schlucken oder Spucken.
Ich präferiere letzteres und hau alles raus.
Nun, ich habe mich unterschätzt es fliegt weiter als ich dachte und meinem vorderen Laufkollegen auf die Hacken.
Er merkt nichts, vermutlich ist er vom Anblick des kleinen Olympiaturms ebenso paralysiert wie ich.

Halbzeit, endlich die 21,1 Marke ist erreicht.
Ein Pacemaker ist an der Verpflegungsstelle länger stehen geblieben und spurtet jetzt nach vorne.
Ich merke wie Bewunderung in mir aufsteigt.
Dann sehe ich meine Liebste, sie steht, winkt und reißt das Handy hoch.
‚Adrian‘ schrei ich, in Anlehnung an Stallones Rocky.
Ich will ihr zeigen das ich noch in der Lage bin Witze zu machen, dass sich meine Hirnfunktionen noch nicht im pathologisch dehydrierten Zustand befinden.
Keiner Lacht.

Nur noch die Hälfte.

Ostbahnhof, dann biegen wir endlich Richtung Innenstadt.
Wir laufen durch Unterführungen, es werden jetzt wieder mehr Zuschauer.
Einer schreit meinen Namen, ‚Günther guad machst as‘.
Wenn ich jetzt Zeit hätte, ich würde ihm um den Hals fallen.

Verpflegungsstation, ich kralle mir 2 Gels, eins gleich reingedrückt.
Die werden von km zu km ekliger.
Beim ersten Marathon hat mich der Hammermann erwischt, das will ich unbedingt vermeiden.

Marienplatz, irgendwo muss meine Holde stehen .. wo bist Du?
Ah ja, sie lächelt, ich nicht.
Ich reiß mit Mühe meine Arme hoch, den Adrian Witz erspare ich mir.

Bei km 33 biegen wir in die Maxvorstadt.
Abkürzen schießt es mir durch den Kopf, dann bin ich vor dem 3:15 er.
Meine Füße biegen schon ein, ich weiß nicht welche Gehirnregion die steuert.

Es zieht sich, oh Mann.
Der Pacemaker ist mir davongelaufen.
Ein Wurmloch, ja ein Wurmloch wäre jetzt willkommen.
Ich bilde mir ein gelesen zu haben dass diese gar nicht so unwahrscheinlich sind.

Eine junge Läuferin stürmt von hinten heran, wechselt ein paar Worte und zieht weiter.
Ich weiß nicht mehr was sie gesagt hat, nur, ihr Laufstil war nicht von diesem Stern, zumindest nicht von meinem. Sie sprang, Beinhub, Armarbeit .. alles perfekt.
Was habe ich mir angetan.

KM 40, nicht mehr weit, ha, noch 2 km, 2000 m, unzählige Schritte, nicht mehr denken.

Ich sehe das Stadion, laufe durchs Marathontor.
Noch eine Runde.
Ich weiß jetzt werden Fotos und Film gemacht, ich bin eitel und versuch zu beschleunigen.
200 m vorm Ziel ein Krampf, jetzt nur nicht hinfallen, sonst komme ich womöglich noch in den Abendnachrichten.

Zieleinlauf …..

Die Zeit bleibt auf Netto 3:35:06 stehen.

Ich laufe weiter, nicht gleich stehen bleiben, wegen dem Kreislauf.
Die Medaillen-Dame läuft mir nach und macht mich darauf aufmerksam das ich schon im Ziel bin.

Geschafft.

Meine Augen sind feucht, regnet es?

Als wir wieder daheim sind meint meine Liebste, ‚das mit Adrian war lustig‘.
Mir wird warm ums Herz.

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